Wenn Jesus ruft

Ich war zwölf Jahre alt, als es geschah. Ich war tot. Aber ein mächtiger Ruf holte mich ins Leben zurück. „Steh auf!“
Illu: Julia Gierlach
Illu: Julia Gierlach

Ich erinnere mich sehr genau an die Zeit vor meinem Tod. Mir ging es schlecht. Und von Tag zu Tag wurde ich matter. Meine Eltern schleppten mich von Arzt zu Arzt. Sie befragten die weisen Frauen und Heilerinnen in der ganzen Region. Jede Tinktur, jede Salbe probierten sie an mir aus. Meine Eltern konnten sich das leisten. Mein Vater war ein angesehener, erfolgreicher  Beamter, der Vorsteher unserer Synagoge. Und meine Mutter kam aus einem reichen Elternhaus. Aber alles Geld und aller Einfluss brachten sie nicht weiter. Niemand hatte eine Idee, was mit mir los war. Nichts half. Blass und schwach lag ich häufig in meinem Bett. Ich hatte keinen Hunger. Und wenn ich etwas zu mir nahm, konnte ich es nicht bei mir behalten.

Meine Eltern waren verzweifelt. Mein Vater liebte mich abgöttisch. Oft saß er an meinem Bett und hielt meine Hand. Er hatte große Pläne mit mir. Schließlich war ich im heiratsfähigen Alter. Und eine gute Partie. Er träumte von einem Gutsbesitzer. Oder betuchten Händler. Schlimmstenfalls einem Gelehrten. Ich muss gestehen, diese Erwartungen machten mir eher Angst. Ich wollte gar nicht weg von meinen Eltern. Einen Haushalt führen. Selber Mutter werden: Das würde ich niemals schaffen!

Immer hatten meine Eltern sich liebevoll um mich gekümmert. Ich war ein eher ungeschicktes Kind. Ständig stieß ich irgendetwas um. Stolperte verträumt über meine eigenen Füße. Mein Vater räumte die Scherben weg und verband meine blutigen Knie. Doch oft spürte ich seinen irritierten Blick. Meinte seine Enttäuschung zu fühlen. Wenn ich meiner Mutter helfen wollte, erklärte sie meist: „Ach, Kind, lass nur! Das kannst du doch nicht.“

Beim Wasserholen lachten die anderen Mädchen über mich, weil ich den schweren Krug kaum heben konnte: „Nicht mal das kannst du“, spotteten sie. „Gib auf!“ Recht hatten sie. Ich war zu nichts nütze. Meinen Eltern machte ich nur Kummer.

Der Gipfel war erreicht, als ich schließlich sterbenskrank daniederlag. Gramgebeugt schlich meine Mutter durch das Haus. Mein Vater war grau geworden vor lauter Leid. Doch an jenem denkwürdigen Tag kam neues Leben in meinen Vater. Zärtlich strich er mir über den Kopf: „Jesus ist in der Nähe. Ich werde zu ihm gehen und ihn bitten, dir zu helfen. Er wird dich gesund machen“, war er überzeugt.“ Ich starb, bevor mein Vater mit Jesus zurückkehrte.

Und dann war plötzlich alles ganz anders. Jemand nahm meine Hand. Eine freundliche, aber bestimmte Stimme befahl mir: „Talita kum – Mädchen, steh auf!“ Und ich wusste genau: Das kann ich. Ich schaffe das. Ich schlug die Augen auf und erblickte einen jungen Mann. Jesus. Er lächelte mir zu. „Steh zu dir! Gib dich nicht auf. Mit Gottes Hilfe kannst du alles schaffen!“ Da stand ich auf und ging umher. Mein Vater stand neben Jesus. Er weinte. Fassungslos und überglücklich.

Monika Schell
„Steh auf!“, sagt Jesus zu einem Kind, das längst gestorben ist. Er ist zu spät gekommen. Hat unterwegs noch etwas anderes erledigt. Alles aus! Hoffnungslos! Nicht für Jesus! Er zeigt dem Kind und allen, die dabeistehen: Es ist niemals zu spät. In deinem Leben kann sich etwas verändern. Immer. Auch wenn jede Vernunft dagegenspricht. Wenn die Kraft am Ende ist. Wenn die anderen zu triumphieren scheinen. Wenn nichts mehr geht. Steh auf!

In der Bibel scheint es in dieser Geschichte mehr um den Vater des Mädchens zu gehen. Er hat sogar einen Namen: Jairus. Lies nach, wie der Vater dieses Wunder erlebt hat! Zum Beispiel im Markus ­Evangelium, Kapitel 5 in den Versen 21 bis 43.
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