Brot aus Steinen

Ich bin ein Kind der Wüste. Sonne, Wind und Sturzfluten haben mich geformt. Im Felsen-Geröll der judäischen Wüste bin ich nur ein Stein unter vielen. Aber ich fühle mich durchaus bedeutsam. Und das hängt mit einem Erlebnis zusammen, das sich vor fast 2.000 Jahren ereignete.
Illu: Julia Gierlach
Illu: Julia Gierlach

Ein junger Mann war in das Ödland hineingewandert. Das war an sich nichts Besonderes. Zogen doch immer wieder einzelne Reisende oder ganze Karawanen durch die unwirtliche Gegend, die ich meine Heimat nenne. Diese Besucher taten alles dafür, der Hitze und der Trockenheit möglichst rasch zu entrinnen. Doch der junge Mann blieb hier. Er ließ sich an einem der wenigen Rinnsale zwischen den Felsen nieder. 40 Tage lang beobachtete ich ihn. Meist saß oder lag er im Schatten der Felsen, die ihm Schutz vor der sengenden Sonne boten. Abends und vor allem nachts wird es empfindlich kalt in der Wüste. Dann wanderte er umher. An dem tröpfelnden Bach stillte er seinen Durst. Aber soweit ich das erkennen konnte, aß er nichts. Er hungerte. 40 Tage lang.

Dabei machte er eigentlich einen ganz vernünftigen Eindruck. Still und in sich gekehrt saß er da. Manchmal betrachtete er die Gegend. Wobei mir nicht so ganz klar war, was er dabei eigentlich anschaute. Hier gibt’s nur solche wie mich: Steine, Steine, Steine. Aber vielleicht schaute er mehr nach innen. In sich hinein. Und manchmal, so schien mir, lauschte er. Versonnen nickte er dann vor sich hin.

Irgendwie konnte ich fühlen, was da in ihm vorging. Wenn die Einsamkeit und die Weite sich über der Wüste ausdehnen, dann lebt in ihr ein Hauch von Unendlichkeit. Dann fühle ich mich dem Schöpfer aller Dinge ganz nah. Das kennen wir Wüstenbewohner alle. Der junge Mann war einer von uns geworden. Da tauchte ein weiterer Kerl auf. Er war mir auf Anhieb unsympathisch. Anstatt meinen jungen Freund in Ruhe zu lassen, quatschte er ihn an: „Bestimmt hast du Hunger. Wenn du Gottes Sohn bist, dann befiehl doch, dass aus diesen Steinen Brot wird.“ Dabei zeigte er auf mich und meine Kumpel. „Gottes Sohn“, nannte er den jungen Mann. Wenn ich nicken könnte, hätte ich es damals getan. Das ergab Sinn. 40 Tage lang hatte der junge Mann die Verbindung mit seinem Vater gesucht. In der Einsamkeit der Wüste war er Gott, seinem Vater, begegnet.

Offenbar hatte ihm das Kraft gegeben. Denn obwohl er halb verhungert war, lehnte er es ab, mit einer Art Hokuspokus aus mir Brot zu machen. Er antwortete dem Typen: „Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Da verschleppte der Fremde ihn hinauf auf die Felsen. Laut ertönte seine Stimme: „Schau dich um! Ich zeige dir alle Länder und Reichtümer dieser Welt. Das alles gehört mir. Ich gebe es dir. Du sollst darüber herrschen. Du musst nur vor mir niederfallen und mich anbeten.“ Mir stockte der Atem. Ich hatte geahnt, dass dieser Widerling Schlimmes im Schilde führte. Hoffentlich ließ der junge Mann sich nicht auf diesen teuflischen Handel ein. Das konnte nur böse für ihn enden. Da hörte ich ihn sagen: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein sollst du dienen.“

Uff. Das war noch mal gut gegangen. Aber schon entschwanden die beiden meinen Blicken. Viel später erfuhr ich, was dann geschah. Der junge Mann wurde nach Jerusalem entführt. Dort stellte der Versucher ihn auf den Tempel und lockte ihn: „Stürz dich hier hinunter. Wenn du Gottes Sohn bist, dann wird dir nichts passieren. Gottes Engel werden kommen und dich behüten.“ Doch der junge Mann ließ sich nicht in Versuchung führen. Er war sich sicher: Ich bin Gottes Sohn. Das musste sein Vater ihm nicht beweisen. Er antwortete dem Versucher: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen!“ Offenbar war das alles nicht so gelaufen, wie der Fremde sich das vorgestellt hatte. Er verschwand so plötzlich, wie er gekommen war. Und mein junger Freund hatte Ruhe vor ihm. Erst mal.

Monika Schell
Sicher hast du erkannt: Der junge Mann, von dem der Stein erzählt, ist Jesus. Beim Fasten und in der Einsamkeit erlebt er eine intensive Zeit mit Gott, seinem Vater. Das macht ihn so stark, dass auch der Versucher, der Teufel, ihm nichts anhaben kann. Jesus lässt sich nicht verlocken mit Macht und Reichtum. Er will nicht mehr sein, als ihm zusteht. Gott allein ist wichtig.

Von der Versuchung Jesu in der Wüste erzählt die Bibel unter anderem im Matthäus-Evangelium. Kapitel 4.
Illu: Julia Gierlach

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Illu: Julia Gierlach

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Illu: Julia Gierlach

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Illu: Julia Gierlach

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Kein Krimi ohne Leiche. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Doch wie kommt es, dass Menschen zu so etwas in der Lage sind? Dass sie so grausige Dinge tun? Eine Erklärung gibt die Bibel mit der uralten Erzählung von Kain und Abel.