"Eine unglaubliche Zeit"

Benedikt Schneider (19) aus Cottbus ist für ein Jahr als Missionar auf Zeit (MaZ) im indischen Kadavendi im Einsatz. An einer Steyler Schule unterrichtet er Kinder und Jugendliche aus armen Familien
Fotos: Achim Hehn
Fotos: Achim Hehn

Wenn Benedikt auf einer Straße in Indien unterwegs ist, fällt er sofort auf. Wegen seiner hellen Hautfarbe. Wegen seiner Frisur. Vor allem aber: wegen seiner Körpergröße. Mit seinen knapp zwei Metern zieht er alle Blicke auf sich. „Ich werde immer wieder angesprochen, weil mich die Leute mit ihrem Handy fotografieren wollen“, sagt er. „Ich mag das eigentlich überhaupt nicht. Aber ich lasse es meistens trotzdem über mich ergehen.“ In Kadavendi – das ist ein kleiner Ort auf dem Land, gut 80 Kilometer von der Großstadt Hyderabad entfernt – haben sich die Menschen inzwischen an ihn gewöhnt. „Anfangs haben mich die Schulkinder umringt und mit Fragen bombardiert“, erinnert sich der 19-Jährige. „Inzwischen wissen sie: Der große Weiße ist eh immer da.“
Seit Ende August 2016 ist Benedikt an einer örtlichen Schule als Missionar auf Zeit (MaZ) im Einsatz. Anfangs hat er Vertretungsstunden gegeben. Inzwischen unterrichtet er als Lehrer englische Grammatik, gibt Sport- und Computerunterricht. „Benedikt ist eine große Bereicherung für unsere Schule“, sagt Pater Jesu Raj Arockiam, der die Steyler Schule seit dem vergangenen Jahr leitet. „Er genießt seine Zeit bei uns und lässt sich auf alles ein.“ Pater Joseph Bandanadham, der zweite Steyler Missionar in Kadavendi, stimmt zu: „Schon ein paar Tage nach seiner Ankunft hatte Benedikt gelernt, mit bloßen Händen zu essen. Die Schüler mögen ihn sehr und wir nehmen ihn einfach überallhin mit.“


Schnell eingelebt

Tatsächlich: Fragt man Benedikt, ob er lange gebraucht hat, um sich an das Klima, das Essen und die Menschen in Indien zu gewöhnen, zuckt er nur mit den Schultern. „Nein, überhaupt nicht“, sagt er gelassen. „Ich bin einfach drauflosgegangen, einen Schritt nach dem anderen. Wer keine Erwartungen hat, kann auch nicht enttäuscht werden. Natürlich habe ich anfangs bei jeder Autofahrt mit großen Augen aus dem Fenster geguckt und gedacht: Mann, ist das bunt und laut hier. Aber ich habe mich schnell daran gewöhnt.“ Geckos an den Wänden, Überflutungen zur Regenzeit, Weihnachten im T-Shirt: Benedikt lässt Indien auf sich wirken. „Mit meiner Familie und mit meinen Freunden in Deutschland habe ich nur ganz selten Kontakt“, sagt er. „Ich bin jetzt hier.“ Seine Eltern sind ihm nicht böse, dass er sich kaum meldet. Vor allem Benedikts Vater weiß, dass man ein Jahr als Missionar auf Zeit genießen sollte. Er war vor vielen Jahren selbst als Freiwilliger in Kenia. Von den Indern, sagt Benedikt, kann man sich einiges abschauen. Vor allem die Freundlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen. „Man geht durchs Dorf und überall gibt’s Tee“, sagt der junge Cottbuser. „In Deutschland lebt man eher alleine, hier als Gesellschaft.“ 772 Schülerinnen und Schüler zählt Benedikts Schule in Kadavendi. Viele von ihnen kommen aus bescheidenen, bäuerlichen Verhältnissen. „Die meisten unserer Schüler sind die Ersten in ihrer Familie, die zur Schule gehen“, sagt Benedikt. „Es gibt Zeiten, in denen die Klassen leerer sind, weil die Kinder auf dem Feld helfen oder auf die Kühe aufpassen müssen. Das hat in vielen Familien, die von der Landwirtschaft leben, halt noch Vorrang.“

Obwohl es in Indien den Lehrern verboten ist, ihre Schüler zu schlagen, greifen viele von ihnen trotzdem manchmal zum Stock. „Viele sind überfordert und wissen sich nicht anders zu helfen“, sagt Benedikt. Für ihn selbst steht fest: Er schlägt niemanden. Damit seine Schüler nicht über Tische und Bänke gehen, setzt er auf eine gute Mischung aus Humor, Strenge und Konsequenz. „Man darf vor allem sein Gesicht nicht verlieren“, ist er überzeugt. „Deshalb versuche ich, Autorität auszustrahlen und trotzdem menschlich zu sein.“ Seine Englischlehrerin aus Schulzeiten hat ihm letztens geschrieben, dass sie stolz auf ihn ist. „Das fand ich nett, denn sie hatte es nicht immer leicht mit mir“, sagt Benedikt.


Zeit haben – die Menschen verstehen

Im Januar hat Benedikt zwei Wochen lang den Norden und Westen Indiens erkundet. Bis zum Ende seines Einsatzes als Missionar auf Zeit möchte er allerdings noch möglichst viel Zeit in Kadavendi verbringen. „Je mehr Zeit man mit den Menschen verbringt, desto eher kann man sie und ihre Kultur verstehen“, sagt er. „Deshalb ist es gut, sich tief in ein Projekt einzugraben, statt überall nur an der Oberfläche zu bleiben.“ Großen Respekt hat Benedikt vor dem „indischen Sommer“. Bis zu 50 Grad soll es dann in  Kadavendi werden. Benedikt wird versuchen, gelassen zu bleiben. Schon jetzt weiß er sicher: „Es war eine unglaubliche Zeit in Indien, die wie im Fluge vergangen ist.“

Markus Frädrich
Birgitta Ronge
Birgitta Ronge

Hinduismus 

Die wenigsten Menschen in Kadavendi sind Christen. Die meisten Schüler sind Hindus. Der Hinduismus ist die vorherrschende Glaubensgemeinschaft in Indien. Im Hinduismus gibt es verschiedene Götter und viele Heilige. Regelmäßige Besuche von Wallfahrtsorten der Heiligen sind für die meisten Inder selbstverständlich. 
Fotos: Rebecca Frank

Lernen und Ziegel formen

Indien. In den Slums der Stadt Indore müssen schon die Kleinsten schwer arbeiten. Die „Bridge Schools“ der Steyler Missio­nare helfen Kindern eine Schulbildung zu bekommen.
Bilder: Karl Horat

Pferd statt Schulbus

Linda (7) und Vanessa (9) besuchen die Urwald-Schule in Xapuri in Brasilien. Hier fährt kein Schulbus. Pferdestute Stella übernimmt den Transport.
Fotos: Sandra Weller

Mini auf vier Rollen

Skateboarden ist in Indien ungewöhnlich. Ein Mädchen auf dem Skateboard noch viel ungewöhnlicher. Mini ist das egal.
Fotos: Tobias Böcher

Zu viert in einem Bett

Auf der Suche nach mehr Sicherheit und Wohlstand übersiedelten Miguey und seine Frau Maria 2003 von der Demokratischen Republik Kongo nach Südafrika. Hier bekamen sie vier Kinder. Eins davon ist die zwölfjährige Wealth – sie zeigt Tobias Böcher, wie sie lebt.