Hinter den Bergen liegt die Heimat

Ahmad (11) und seine Familie haben in Deir el Ahmar im Libanon Zuflucht gefunden. Wie viele Tausend andere Flüchtlinge sind sie aus Sy­rien vor dem Krieg geflohen. Die Bewohner der Dörfer in der benachbarten libanesischen Bekaa-Ebene haben sehr viele Flüchtlinge aufgenommen. Das ist sehr freundlich von ihnen. Aber es gibt auch manche Probleme.
Fotos: Jörg Böthling
Fotos: Jörg Böthling

Was wünscht sich ein Elfjähriger, der schwer krank ist? Der seit vielen Monaten in einem Flüchtlingscamp lebt. Was wünscht sich ein Junge, dessen wertvollster Besitz ein klappriges Fahrrad ist, auf dem er zwischen den Zelten seine Runde dreht? Eine Geburtstagstorte! Mit elf Kerzen darauf! Auch wenn das Ausblasen aufgrund des geringen Lungenvolumens Ahmad drei Anläufe kostet. Auch wenn er dabei die Kappe gefährlich weit zurückschieben muss. Diese Kappe ist sein wichtigster Begleiter. Sie verbirgt, dass er keine Haare hat. Das stille, freundliche Geburtstagskind ist viel schmächtiger als seine Altersgenossen. Ahmad ist seit seinem ersten Lebensjahr krank und muss regelmäßig Medikamente einnehmen. Die sind hier im Libanon schwer zu bekommen. Doch im Augenblick ist Ahmad überglücklich, seinen Geburtstag feiern zu können.

Von dem Zelt aus, in dem Ahmads Familie wohnt, sieht man die Berge. Dahinter liegt die alte Heimat Syrien. Manchmal, früh am Morgen, wenn es ganz still ist in der Bekaa-Ebene, hört man Schüsse. In Ahmads Heimat herrscht Krieg. Ahmads Vater hatte vor dem Krieg saisonal als Landarbeiter auf den Feldern im Libanon geholfen. Das machten viele syrische Familien. Seit das Leben in Syrien jeden Tag den Tod bringen kann, haben die Menschen endgültig im Libanon ihre Zelte aufgeschlagen: 10.000 Muslime aus Syrien bei den 10.000 christlichen Einwohnern von Deir el Ahmar.


Hoffentlich gibt es keinen Streit


Das sind ungeheuer viele Menschen für so ein kleines Dorf. Sie müssen Platz zum Leben haben, brauchen Nahrung, Wasser, Arbeit, Schulen ... Das Dorf und seine Bewohner kommen an die Grenzen dessen, was sie leisten können. Das spürt und hört man überall. Die Situation könnte leicht eskalieren. Es könnte Streit geben oder die Dorfbewohner könnten sich weigern, weiterhin zu helfen. Doch das Zusammenleben verläuft friedlich. Es gibt keine bedeutsame Zunahme an Gewalt und Unsicherheit. Das ist bemerkenswert! 
Miled Akoury ist Vorsitzender des Stadtrats. Er weiß um die drohenden Schwierigkeiten: „Derzeit leben rund 1,5 Millionen syrische Flüchlinge in unserem Land. Natürlich haben sie einen großen Einfluss auf unser Leben und unsere Kultur. Wir sind vorsichtig. Wir wollen nicht, dass sich unsere Gesellschaft komplett verändert. Aber was soll man tun, wenn die Leute in Syrien nicht mehr leben können? Es ist doch selbstverständlich, dass wir helfen.“  

Für Ahmad, das Geburtstagskind, und die vielen anderen Kinder ist die größte Hilfe die Schule. Die öffentlichen Schulen haben Schwierigkeiten, sich auf die Flüchtlingskinder einzustellen. Schon die Sprache ist ein großes Hindernis. Obwohl im Libanon eigentlich Arabisch gesprochen wird, wird viel auf Französisch unterrichtet. Die meisten syrischen Kinder sprechen aber nur Arabisch.
Hier helfen private Schulen wie die der Schwestern vom Guten Hirten so gut sie können. 450 Kinder besuchen diese Schule. „Vormittags unterrichten wir die Kinder der Flüchtlingsfamilien. Nachmittags kommen libanesische Kinder, deren Eltern sie nicht schulisch unterstützen können“, sagt Schwester Amira Tabet. Die Ordensfrau hat schon in Albanien, im Senegal, in Frankreich und vier Jahre lang in Syrien gearbeitet. „Daher verstehe ich die Mentalität der Syrer besser als manch anderer“, sagt sie.
Sie weiß, wie wichtig es ist, dass auch libanesische Kinder Zugang zum gefragten Unterricht an ihrer Schule erhalten. „Unsere Gesellschaft steht vor einer Zerreißprobe: Wir stecken tief in der Wirtschaftskrise und haben Millionen Flüchtlinge im Land. Da darf man keine Ungleichheiten schaffen. Es wäre fatal, sich jetzt nur um die Flüchtlinge zu kümmern. Das würde zu Eifersucht und Neid bei den Libanesen führen, die ebenfalls Hilfe brauchen. Man muss sich auch um die kümmern, die selbst arm sind und trotzdem andere aufnehmen.“


Das Leben in den Zelten ist hart

Zu Beginn seien die syrischen Kinder aus den Zelten nur wegen des Essens gekommen, sagt Siham Rahmeh, die sich um die Schulkinder kümmert. „Das hat sich vollkommen geändert. Sie haben gelernt, die Schule zu schätzen.“ Roua Nayef gehört zu den Kindern, die sich in der Schule leichttun. „Ich bin auch schon zu Hause gerne zur Schule gegangen“, sagt sie. Rouas Zuhause ist ein Dorf nahe der syrischen Stadt Yabroud, 80 Kilometer nordöstlich von Damaskus und 20 Kilometer entfernt von der libanesischen Grenze. „Ich bin so froh, hier weiter lernen zu können“, flüstert sie. Doch dann treten ihr die Tränen in die Augen. Die Zwölfjährige beginnt zu schluchzen. Es fehlt so viel: das alte Zuhause, die Freunde von früher, das eigene Land. Geld war noch nie reichlich in Rouas Familie vorhanden. Aber das Leben auf engs­tem Raum in den Zelten ist hart. An eine Rückkehr nach Syrien, da sind sich alle einig, ist nicht zu denken. Immer noch wachen die Kinder nachts wegen Albträumen auf. Immer noch verlassen Syrer ihr Land. Deutschland und Europa sind bei den Zeltbewohnern der Bekaa-Ebene nicht im Gespräch. Wohl, weil man seit Jahren hier gearbeitet hat, die gleiche Sprache spricht, ein wenig zu Hause ist. Und vielleicht auch, weil die alte Heimat so nahe ist.
Auch Ahmad lernt für die Zukunft. Vielleicht bleibt die nahe Heimat hinter den Bergen unerreichbar. Aber das Leben geht weiter.

Barbara Brustlein
Fotos: Achim Hehn

Kreuzweg im Busch

Wenn Pater Wojtek Minta in der Fastenzeit in die Dörfer seiner Pfarrei im Norden Togos fährt, nimmt er oft Jugendliche mit. Sie führen die Leidens­geschichte Jesu auf.
Fotos: Achim Hehn

Zurück ins Leben

Bei einem Motorradunfall verliert Djato sein rechtes Bein. Mithilfe von Steyler Missionsschwestern im Norden Togos findet er zurück ins Leben.

Tanzend in den Tag

Die Kinder kommen gerne zu Schwester Viera nach Muromani. Hier ist einfach immer etwas los. WW besuchte die Steyler Missionarin in Südafrika.

Schwester Rosalie und ihre Kinder

Im Norden von Benin leitet die Steyler Ordensschwester Rosalie Zossou einen Kinder­garten. Die Mädchen und Jungen kommen aus ärmsten Verhältnissen. So wie sie selbst einst.