Pferd statt Schulbus

Linda (7) und Vanessa (9) besuchen die Urwald-Schule in Xapuri in Brasilien. Hier fährt kein Schulbus. Pferdestute Stella übernimmt den Transport.
Bilder: Karl Horat
Bilder: Karl Horat

Auf Stella ist Verlass. Punkt sieben Uhr in der Frühe steht sie an der Veranda. Der „Schultransporter“ hupt nicht, sondern wiehert lautstark. Für die Mädchen heißt das: aufbrechen und aufsteigen.
Linda und Vanessa lieben den morgendlichen Ritt. Die Zügel brauchen sie eigentlich nicht. Stella kennt den Weg in- und auswendig. Zielstrebig trottet die Stute durch die Landschaft. Bis zur Schule sind es rund elf Kilometer. Die Straße ist nicht asphaltiert. Solange es nicht regnet, ist das kein Problem. Pünktlich kommt das Dreiergespann bei der Schule an. Vor dem Schulhauspavillon parken die Mädchen Stella – oder vielmehr: Sie führen sie in die umzäunte Weide. Dort rupft die Stute das frische Gras und wartet, während Linda und Vanessa den Unterricht besuchen und eine Klassenarbeit schreiben.


Wald der Indios und Gummi-Zapfer

Du fragst dich vielleicht: Warum wohnt die Familie denn im Urwald – und nicht in einem Dorf oder in einer Stadt, wo es geteerte Promenaden, Straßenlaternen, Spielplätze, Busse und Läden gibt?
Neben den Indios, die schon immer im und vom Urwald lebten, zogen vor hundert Jahren Leute von der Küste am Atlantik tief in den Urwald. Hier fanden sie Arbeit und ein Einkommen. Sie arbeiteten in der Viehhaltung auf einer Fazenda, als Paranuss-Sammler – oder als Gummi-Zapfer. Gummi-Zapfer – nie gehört? Klar doch! Gummi brauchen wir für Reifen und Schläuche, für Haarbändchen, Radiergummis, Schnuller, Schuhsohlen, Gummistiefel, Regenmäntel und Latex-Handschuhe.

Seitdem dieses Material im Amazonas-Urwald entdeckt wurde, veränderte es die Welt. Den Indios war Kautschuk schon lange bekannt. Sie verstanden es, die Rinde des „weinenden Baumes“ so zu ritzen, dass ein weißlicher Saft herausquoll, der an der Luft gerann. Daraus ließen sich bequeme Sandalen anfertigen. Und die Indios konnten daraus Bälle herstellen, die munter hüpften. Diese brachten die spanischen und portugiesischen Eroberer zum Staunen. Natürlich nahmen sie den so vielseitig verwendbaren Stoff gleich mit nach Europa. Dort ließ der Erfindergeist weitere Ideen sprießen. Dank ihm schafften es zum Beispiel die Brüder Montgolfier im Jahre 1775 als erste Menschen „in den Himmel“ zu steigen. Sie kreierten aus mit Kautschuk überzogener Seide einen Ballon, den sie mit Wasserstoff füllten. Gummizapfer arbeiten bis heute im Urwald. Deshalb leben auch Linda und Vanessa mit ihren Eltern hier. Ihr Vater arbeitet als Gummi-Zapfer.


Alte Familientradition

Die Aufgabe des Vaters ist es, fachmännisch Rillen in die Rinde der Kautschukbäume zu ritzen. Die jungen Gummibäume dürfen frühestens im Alter von fünf Jahren zum ersten Mal angeritzt werden. Und ihr Bestand lässt sich nicht beliebig vergrößern – sie wachsen dort, wo es ihnen behagt. Der Vater der Mädchen arbeitet im Urwald zügig und präzise. Schließlich macht er diese Arbeit seit seinem neunten Lebensjahr. Schon damals begleitete er seinen Vater und seinen Großvater, die ebenfalls als Kautschuk-Zapfer arbeiteten. Der klebrige Latex-Saft tropft langsam aus den Rillen in einen Sammelbehälter. Diesen weißen Saft liefert der Vater der Mädchen an die Latex-Fabrik in Xapuri und bekommt dafür das Geld fürs tägliche Leben seiner Familie.


Wissbegierig

In der Schule wird jetzt Mathematik unterrichtet. Vanessa rechnet in Windeseile die gestellten Aufgaben aus. Mathe gehört zu ihren Lieblingsfächern. Alle SchülerInnen sind sehr wissbegierig. Einige von ihnen kennen nur den Urwald und die Schule in Xapuri. Alles Neue und Interessante saugen sie wie ein Schwamm auf. Zu Hause sind es die Kinder von früh an gewohnt, den Eltern bei der Arbeit zu helfen. Für Linda und Vanessa bedeutet das, die Mutter bei der Haus- und Gartenarbeit zu unterstützen. Der Vater hat ihnen aber auch schon gezeigt, wie ein Kautschuk-Baum richtig angezapft wird. Für heute ist der Unterricht zu Ende. Die Lehrerinnen machen sich zu Fuß auf den Weg nach Hause. Ihre Hütten liegen rund fünf Kilometer entfernt im Urwald. Linda und Vanessa holen Stella von der Weide und klettern auf ihren Rücken. Alle drei freuen sich auf den Heimweg und auf zu Hause. Was Linda und Vanessa einmal werden möchten? Sie wissen es noch nicht. Aber sie genießen die Freiheit, auf dem Pferderücken zur Schule und wieder nach Hause reiten zu können.

Karl Horat

Brasilien

Birgitta Ronge
Birgitta Ronge

Brasilien ist das größte Land in Südamerika. Es ist fast so groß wie ganz Europa. Die Menschen in Brasilien sprechen Portugiesisch. Früher war das Land eine Kolonie von Portugal.
In Brasilien fließt der Amazonas, der zweitlängste Fluss der Erde. Rund um den Amazonas wächst Regenwald. In ihm leben viele Tiere und Pflanzen. Der Amazonas-Regenwald ist der größte der Welt, und er ist für das gesamte Klima der Erde wichtig.
Die größten Städte des Landes sind São Paulo und Rio de Janeiro. 
Hauptstadt ist Brasilia.
Fotos: Achim Hehn

"Eine unglaubliche Zeit"

Benedikt Schneider (19) aus Cottbus ist für ein Jahr als Missionar auf Zeit (MaZ) im indischen Kadavendi im Einsatz. An einer Steyler Schule unterrichtet er Kinder und Jugendliche aus armen Familien
Fotos: Sandra Weller

Mini auf vier Rollen

Skateboarden ist in Indien ungewöhnlich. Ein Mädchen auf dem Skateboard noch viel ungewöhnlicher. Mini ist das egal.
Fotos: Tobias Böcher

Zu viert in einem Bett

Auf der Suche nach mehr Sicherheit und Wohlstand übersiedelten Miguey und seine Frau Maria 2003 von der Demokratischen Republik Kongo nach Südafrika. Hier bekamen sie vier Kinder. Eins davon ist die zwölfjährige Wealth – sie zeigt Tobias Böcher, wie sie lebt.
Fotos: Achim Hehn

Kreuzweg im Busch

Wenn Pater Wojtek Minta in der Fastenzeit in die Dörfer seiner Pfarrei im Norden Togos fährt, nimmt er oft Jugendliche mit. Sie führen die Leidens­geschichte Jesu auf.