Zu viert in einem Bett

Auf der Suche nach mehr Sicherheit und Wohlstand übersiedelten Miguey und seine Frau Maria 2003 von der Demokratischen Republik Kongo nach Südafrika. Hier bekamen sie vier Kinder. Eins davon ist die zwölfjährige Wealth – sie zeigt Tobias Böcher, wie sie lebt.
Fotos: Tobias Böcher
Fotos: Tobias Böcher

Wealths Familie wohnt mitten in Johannesburg, der größten Stadt Südafrikas. Auf den Straßen ist immer etwas los. Auf dem Bürgersteig präsentiert ein Händler Süßigkeiten, deren farbiges Silberpapier auf einem aufgestellten Holztisch unter dem Sonnenschirm glitzert. Eine Frau in bunten afrikanischen Kleidern verkauft gekochte Maiskolben, die vor ihr in einem großen Topf liegen, und an der Ecke bietet ein junger Mann unter freiem Himmel seine Dienstleistungen als Friseur an. Viele mehrstöckige Häuser stehen direkt nebeneinander. In einem wohnt Wealths Familie. Ich klingle an der Haustür und höre gleich das Summen des Türöffners. Schnell betrete ich den Hausflur. Weit oben öffnet sich eine Wohnungstür. Im vierten Stock empfängt mich Maria. Sie ist die Mutter von Wealth und deren drei Brüdern Joy (10), Onyx (9), und Karis (6). Wealth steht neben ihrer Mutter, die mich hineinbittet.

Die Wohnung besteht aus einem Flur, vier Zimmern, einer Küche und einem Bad. Eine vernünftige Größe für eine sechsköpfige Familie. Allerdings wohnen sie nicht alleine hier. In jedem Zimmer lebt eine andere Familie. Sogar im Flur wohnt jemand. An der breitesten Stelle steht ein Bett, um das ein Vorhang gezogen ist. Im Zimmer von Wealths Familie warten ihre Brüder auf uns. Zwei von ihnen sitzen auf der unteren Matratze eines Hochbettes und der dritte steht daneben. „Ihr wohnt also alle in diesem Zimmer?“, frage ich, und sie nicken. Die vier Kinder teilen sich ein Hochbett. Wenn sie abends schlafen gehen, liegen jeweils zwei Kinder auf einer Matratze. Die Eltern rollen sich eine Matratze auf dem Boden aus, die tagsüber an der Wand steht.


Wenig Geld

Im Kongo fühlten sich die Eltern von Banden bedroht. Also siedelte Vater Miguey, auf der Suche nach mehr Sicherheit, 2003 nach Südafrika über. Als Marias Vater ermordet wurde, folgte sie ihrem Verlobten nach Südafrika und beantragte Asyl. Bald darauf wurde sie schwanger und brachte Wealth zur Welt. Die Eltern hatten keine Ersparnisse und lebten von kleinen Jobs. Wenn Maria schwanger war, fiel es ihr schwer, Geld zu verdienen, und die Familie musste mit wenig auskommen. Aber das war immer noch besser, als vielleicht im Kongo zu sterben. 2011 erlitt Vater Miguey einen Schlaganfall und ist seitdem halbseitig gelähmt. Wie soll er nun arbeiten? Die Geschwister merken, dass es an Geld fehlt. „Ich wohne sehr gerne hier, aber für meine Eltern ist es schwierig, die Miete, das Essen und die Sachen für die Schule zu bezahlen“, sagt Joy. Die Behörden in Südafrika sind sehr langsam. Maria möchte im Land bleiben dürfen und arbeiten. Dafür hat sie schon vor Jahren einen Antrag gestellt. Der ist noch immer nicht bewilligt. Sie gilt als Asylsuchende. Darum kann sie nicht jeden Job annehmen, den sie will. Es ist ein Glücksfall, dass sie nun über die Jesuiten eine Ausbildung zur Bäckerin absolvieren kann.
Wealth und ihren Brüdern merkt man nicht an, dass ihre Familie nicht aus Südafrika kommt. Sie gehen zur Schule und haben viele südafrikanische Freunde gefunden. Wealth ist die Einzige der Geschwister, die noch ein bisschen Lingala spricht, die Muttersprache ihrer Eltern. Auch Französisch, die offizielle Sprache des Kongos, beherrschen die Kinder nicht. Sollte es einmal zurück in den Kongo gehen, wird es für sie sehr schwierig, sich zu verständigen.


Heimat im Kongo

Aber Maria würde ihren Kindern sehr gerne einmal ihre Heimat zeigen, und auch Wealth sagt: „Ich träume davon, meine Großmutter und meine Onkel zu sehen.“ Aber an eine Reise in den Kongo ist im Moment nicht zu denken. Noch immer gibt es dort gefährliche Banden, und natürlich fehlt der Familie auch das Geld für eine Reise.
In ihrer Freizeit spielt Wealth auf dem Schulgelände am liebsten Fußball oder Tennis. Es gibt ein paar Tennisschläger und Bälle für die Schüler. Manchmal nimmt sie sich aber auch einfach eines ihrer englischen Bücher aus der Schule und liest darin Geschichten. Ihre Hausaufgaben macht sie auf dem Boden, denn für einen Schreibtisch fehlt der Platz. Es nervt, wenn ihre Brüder um sie herum spielen oder den Fernsehen einschalten, wenn sie sich konzentrieren will. Auf so engem Raum muss man aufeinander Rücksicht nehmen. Wealth hat eine gute Idee, wie sie lernen kann, obwohl ihre Brüder mit ihr spielen wollen. Sie spielt einfach Schule. Dann ist sie die Lehrerin, und ihre Brüder sind die Schüler. Wenn Wealth aber ihre Ruhe haben möchte, malt sie in ihrem Malbuch Bilder aus und versinkt in ihre Welt. Dann kann um sie herum passieren, was will. 
Es sind ärmliche Verhältnisse, in denen Wealth mit ihrer Familie lebt, aber sie sind glücklich, dass sie als Familie zusammenwohnen können. Alle hoffen, dass es mit der Ausbildung der Mutter zur Bäckerin etwas besser wird. Der kleine Joy möchte später einmal Pilot werden. Wealth hingegen schaut sich im Fernsehen am liebsten Koch- und Backsendungen an. Dann wünscht sie sich, dass sie einmal eine große Köchin wird.

Tobias Böcher

Südafrika 

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