"Wir geben den Kindern eine Stimme"

Jahrelang musste Sakshi auf der Straße betteln. Dann half ihr Pater Babu, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Im indischen Pune engagiert sich der Steyler Missionar für Kinder in schwierigen Lebenssituationen.
Fotos: Achim Hehn
Fotos: Achim Hehn

Wo man hinschaut: überall Baustellen. Pune, eine Millionenstadt im indischen Maharashtra, wächst und wächst. Deshalb wird an jeder Ecke gehämmert und geschweißt. Mitten auf einer der vielen Baustellen steht heute ein gelber Bus. Aus dem Inneren des Fahrzeugs erklingen Abzählverse und Kinderlieder. Die 31 Sitze sind ausgebaut, auf dem Fußboden haben Mädchen und Jungen Platz genommen. Während ihre Eltern auf der Baustelle arbeiten, sind diese Kinder normalerweise auf sich allein gestellt. Der Besuch des „mobilen Klassenzimmers“, zu dem man den gelben Bus umgebaut hat, ist eine willkommene Abwechslung. „Weil sie nicht zur Schule gehen können, bringen wir die Schule eben zu ihnen“, sagt Pater Babu. „Täglich kommen 250 Kinder zu uns. Wir singen, tanzen und lernen mit ihnen.“

Pater Babu Kakkaniyil ist ein Steyler Missionar. Seit 2010 leitet er in Pune ein Hilfswerk mit Namen „Sarva Seva Sangh“. In der Sprache Hindi bedeutet das in etwa: Allen zu Diensten. „So ganz korrekt ist das nicht“, sagt Pater Babu. „In erster Linie sind wir für Kinder da, die in schwierigen Lebenssituationen sind.“ In Pune sind das vor allem Straßenkinder – Kinder, die kein Dach über dem Kopf haben, oder die auf öffentlichen Plätzen betteln müssen. Sakshi gehörte noch vor ein paar Jahren zu diesen Kindern. Umgerechnet 3,50 Euro: so viel Geld sollte sie am Ende des Tages in der Tasche haben. Morgens setzte ihre Mutter sie am Bahnhof von Pune ab. Abends sammelte sie ihre Tochter wieder ein. 3,50 Euro, erbettelt im dichten Gedränge der Zugreisenden. Um die Familie einen weiteren Tag durchzubringen. Sakshi war erfolgreich. Oft hatte sie am Abend weitaus mehr Geld zusammen. Über Jahre sicherte sie das Einkommen ihrer Eltern und Geschwister. Bis Pater Babu auftauchte.

Verantwortlich
Anfangs war Sakshis Mutter wenig begeistert. In die Schule schicken wollte er ihre Tochter! Dabei hatte sie selbst nie eine Schule besucht! Pater Babu sprach von einer Zukunft für Sakshi. Blieb freundlich, aber hartnäckig. Drei Jahre lang. Dann durfte Sakshi gehen. Heute lebt sie in einem Heim, zusammen mit 37 anderen Mädchen. Sie ist in der siebten Schulklasse, mag Geschichte und Biologie, liest gerne Bücher und wird für ihre schöne Handschrift gelobt. Manchmal, wenn man sie auf ihre Zeit als Straßenkind anspricht, weint sie. Weil sie heute glücklich ist.

Für Kinder wie Sakshi zu kämpfen, die unverschuldet in Not geraten sind: Pater Babu hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht. „Kein Kind, das wir betreuen, kann etwas für die Situation, in die es geraten ist“, sagt er. „Wir alle tragen zu dieser Welt bei, in der Kinder erniedrigt werden. Und wir sind dafür verantwortlich, diesen Zustand wieder zu beseitigen.“ Wenn es nach der Lokalregierung von Pune geht, haben Pater Babu, seine beiden Steyler Mitbrüder und sein 24-köpfiges Team nicht viel zu tun. „Offiziell gibt es keine Straßenkinder am Bahnhof“, sagt Pater Babu. „Das würde ein schlechtes Licht auf die Stadt werfen.“ Doch die Sozialarbeiter von „Sarva Seva Sangh“ berichten anderes. „Tagsüber dürften es etwa 100 Kinder sein, die am Bahnhof betteln“, sagt Pater Babu. „Nach 22 Uhr schlagen über 2.000 zwischen den Bahnsteigen ihr Nachtlager auf.“ Kinder, die zu Hause niemand mehr haben wollte. Kinder, die wegen Erniedrigungen in der Schule aus ihrer Heimat weggelaufen sind. Kinder, in deren Familien es kein Essen, keine Kleidung, keine Wärme gab, und die deshalb ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben. Die Missionare und ihre Helfer bieten ihnen warme Mahlzeiten an, kommen mit ihnen ins Gespräch, laden sie zu monatlichen Treffen ein.

Gern gesehen
Am Nachmittag schaut Pater Babu noch in einem Slum vorbei, also in einem Armenviertel der Stadt. Er schüttelt Hände, ist in jeder der windschiefen Baracken ein gern gesehener Gast. Den Kindern dieser Armensiedlung ermöglicht  „Sarva Seva Sangh“ den Schulbesuch. So auch Prakash, dem 19-jährigen ‚Premierminister‘ des Kinderparlaments. „In jedem Slum, den wir betreuen, in jedem unserer Heime gibt es ein solches Parlament mit verschiedenen ‚Ministern‘. Etwa für Gesundheit und Bildung, Sauberkeit und Sport“, erklärt Pater Babu. „Die Kinder geben so gegenseitig auf sich acht und lernen frühzeitig, Verantwortung zu übernehmen. Sie schätzen es, dass wir ihnen eine Stimme geben.“

Markus Frädrich

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Fotos: Rebecca Frank

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Fotos: Achim Hehn

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